Projekt: Integration von Menschen mit Fluchterfahrung in der Region Oberlausitz

Da es für uns wichtig ist, dass wir auch einen Beitrag leisten, der gesellschaftlich relevant ist und auch hier für unsere Region eine Bedeutung hat, haben wir seit März diesen Jahres das Projekt zum Thema gelingende Integration von Menschen mit Fluchterfahrung in der Region Oberlausitz ins Leben gerufen. Sehr haben wir uns gefreut, dass die Bundeszentrale für politische Bildung unsere Projektidee mit einem positiven Förderbescheid honoriert hat. Nun aber mal einen Schritt zurück. Was hat uns dazu bewogen, dass wir hier aktiv werden möchten? In vielen unserer Moderations- oder auch Supervisionsaufträgen werden wir mit diesem Thema konfrontiert und wissen, dass zwar die erste große Welle an Geflüchteten in der Region abebbt, sich damit aber keineswegs eine Entspannung der Situation einstellt. Integration ist ein langfristiger Prozess, welchen wir als Gesellschaft nur gemeinsam tragen können. Schauen wir uns einmal die Statistik an, so sehen wir, dass der Anteil der ausländischen Bevölkerung in Sachsen im Jahr 2012 bei nur 2,39 %[1] lag und somit im Verhältnis zu anderen, insbesondere westdeutschen Bundesländern sehr niedrig war. Durch die stark angestiegene Zahl nach Sachsen eingereister Menschen im Jahr 2015 änderte sich die Situation. Der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund ist im Jahr 2015 auf 4,05%[2] gestiegen. Damit stieg er innerhalb von nur drei Jahren um 69,04% an.

Wie die Ergebnisse der Repräsentativerhebung der „Mitte“ –Studien der Universität Leipzig aus dem Jahr 2016 zeigen, liegt der Anteil der Ausländerfeindlichkeit bei 22,7% in Ostdeutschland[3]. Zu verzeichnen ist eine deutschlandweite autoritäre Aggression gegen Muslime, Sinti und Roma sowie gegen Asylsuchende[4]. Neben einer zunehmenden Gewaltbereitschaft, zeigt sich ebenfalls eine Häufung rechtsextremer Einstellungen unter PEGIDA-Anhängern[5]. Der Scheinwerfer der Medien im Jahr 2016 wurde häufig auf die Stadt Bautzen in der Oberlausitz gerichtet. Schlagzeilen wie „Erneut Flüchtlinge in Bautzen angegriffen“ (Spiegel.de, 02.11.2016)[6]; „Rechtsextreme machen wieder Hetzjagd auf Flüchtlinge“ (Zeit.de, 01.11.2016)[7]; „Flüchtlingsheim brennt – und Schaulustige jubeln“ (Stern.de, 21.02.2016)[8] gingen um die Welt. Der Soziologe und Professor der Hochschule Zittau/Görlitz sowie Partner des KIB Instituts Raj Kollmorgen hat die Transformation der postsozialistischen Gesellschaften erforscht und konnte feststellen, dass der ostdeutsche Rechtsextremismus auch aus einer Art Verlierererfahrung der Nachwendezeit resultiert. Erschwerend kommt hinzu, dass in der Region Oberlausitz eine rückläufige Zivilgesellschaft zu verzeichnen ist und die verbleibende Bevölkerung mit Rückzug und Bewahrungsabsichten reagiert. Der Zuzug von Flüchtlingen wird hier z.T. als Bedrohung wahrgenommen[9].

Die Region Oberlausitz steht nun vor der schweren Aufgabe, den Spagat zwischen dem Wunsch und Willen einer gelingenden Integration und den verschiedenen Einstellungen der Bevölkerung zu vollziehen. Dabei sind alle Akteure der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft und nicht zuletzt jeder Einzelne selbst aufgefordert einen Beitrag zu leisten.

Es gibt bereits eine Reihe an aktiven Bestrebungen von Städten und Gemeinden sowie Vereinen und ehrenamtlich tätigen Bürgern, zur Bewältigung der Herausforderung, wie z.B. das Café HotSpot[10], eine Einrichtung entstanden mit Geflüchteten für eine gelebte Integrationspraxis. Auch die Demokratiewochen in Bautzen[11] sind hier zu nennen. Und nicht zuletzt der Aktionstag „Vielfalt ist unsere Stärke[12], der Vereinigung Zittau ist bunt, zeigt Engagement auf diesem Gebiet. Deutlich ist, dass die Aktivitäten oft dezentral und punktuell ansetzen, und somit einen eher kleinen Wirkungskreis besitzen. Ein systematischer Austausch sowie eine synergieeffektorientierte Vernetzung aller Akteure in der Oberlausitz sind bislang nur in Ansätzen erfolgt. Eine weitere Herausforderung besteht im kommunikativen Umgang mit Vorurteilen gegenüber geflüchteten Menschen. Das Engagement im Diskurs wirkt oft ungewollt belehrend, Argumente dagegen führen zu einer Verhärtung von Positionen, ohne Reflexion zu fördern.[13]

Aus dieser nur in Ansätzen beschriebenen Problemstellung heraus ergeben sich für uns zwei Zielbereiche:

  1. Vernetzung von Akteuren in der Region Oberlausitz, um Diskurs zu fördern und Aktivtäten für eine gelingende Integration zu bündeln sowie eine stärkere Breitenwirkung zu erzielen
  1. Entwicklung und Bereitstellung von Argumentationskonzepten zum kommunikativen Umgang mit Vorurteilen gegenüber geflüchteter Menschen, um die Handlungskompetenz und die Handlungssicherheit der Akteure zu unterstützen

Unsere Projektidee lässt sich hier wie folgt skizzieren:

Und da wir nun schon August haben, liegt ein Teil der Arbeit bereits hinter uns. Die Termine stehen fest, die Veranstaltungen sind konzipiert, es wurden unzählige Gespräche geführt, mit betroffenen sowie beteiligten Akteuren.

Das Symposium „Angekommen und nun? Integration ein vielschichtiger Prozess! Discourse – Networking – Commitment“ findet am 28.10.2017 an der Hochschule Zittau/Görlitz, am Standort Görlitz, Furtstraße 1a statt. Und wir freuen uns sehr, dass bereits so viele Personen unserem Aufruf gefolgt sind, um am Symposium mitzuwirken. Alle drei Stadtoberhäupter aus Zittau (Thomas Zenker), Görlitz (Siegfried Deinege) und Bautzen (Alexander Ahrens) haben zugesagt. Vertreter aus der Wirtschaft, der Wissenschaft und zivile Initiativen (z.B. Steinhaus Bautzen e.V.) sind mit an Bord. Und da wir aus Erfahrung sagen können, dass es nicht hilft übereinander zu reden, sind natürlich auch Menschen mit Fluchterfahrung dabei und erzählen uns ihre Geschichte. Zum Ablauf gibt es dann bald weitere Details.

Ein zweiter Teil sind unsere Kommunikationstrainings, zum Umgang mit Vorurteilen bei der Arbeit mit Geflüchteten. Gemeinsam möchten wir hier Handlungsstrategien entwickeln und diese in praktischen Übungen anwenden. Wir wollen Tipps an die Hand geben, wie man im Alltag oder im Berufsleben mit negativen Reaktionen umgehen kann und wie es gelingen kann, einen hilfreichen Dialog zu initiieren. Zu den Kommunikationstrainings kann man sich auch bereits anmelden und da wir von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert werden, können wir diese auch kostenlos anbieten. Folgende Termine und Orte gibt es hierfür:

Bautzen         09.09.2017 | 10.00 – 16.00 Uhr | House of Resources
Anmeldefrist bis zum 25.08.2017

Görlitz 14.10.2017 | 10.00 – 16.00 Uhr | Seminarraum KIB-Institut
Anmeldefrist bis zum 29.09.2017

Zittau 04.11.2017 | 10.00 – 16.00 Uhr | Hochschule Zittau
Anmeldefrist bis zum 20.10.2017

Die Plätze sind limitiert! Wer sich also anmelden möchte, kann dies unter: kontakt@kib-institut.de gern tun.

Weitere Informationen zum Projekt, dem Symposium und den Trainings folgen.

Dr. Stefanie Seifert

Quellen
[1]Statistisches Bundesamt, (2016); https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/MigrationIntegration/AuslaendBevoelkerung2010200157004.pdf?__blob=publicationFile; S. 29 , Zugriff 11.01.2017
[2] Vgl. ebd.
[3] Vgl. O. Decker; J. Kiess; E. Brähler; (2016); Die Leipziger „Mitte“-Studien 2016, http://www.zv.uni-leipzig.de/pressedaten/dokumente/dok_20160615154026_34260c0426.pdf, S. 14, Zugriff: 12.01.2017

[4] Vgl. ebd., S.45
[5] Vgl. ebd., S. 35 – 40
[6] Vertiefend hierzu: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bautzen-erneut-fluechtlinge-von-rechten-bedroht-a-1119317.html, Zugriff 12.01.2017
[7] Siehe: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-11/bautzen-eskalation-neonazis-jagd-fluechtlinge, Zugriff: 12.01.2017
[8] Siehe: http://www.stern.de/politik/deutschland/bautzen–fluechtlingsheim-brennt—und-anwohner-jubeln-6709680.html, Zugriff 12.01.2017
[9] Siehe: R. Kollmorgen in der Zeit (2015): http://www.zeit.de/2015/36/sachsen-rechtsextremismus-fremdenfeindlichkeit-neonazi/seite-2, Zugriff: 12.01.2017
[10] Siehe https://www.betterplace.org/de/projects/50637-cafe-hotspot-gorlitz-zusammen-surfen-zusammen-leben, Zugriff. 11.01.2017
[11] http://www.demokratie-bautzen.de/praeambel/, Zugriff 11.01.2017
[12] Siehe https://www.facebook.com/zittauistbunt/, Zugriff 11.01.2017
[13]: Vertiefend hierzu: R. Gloël; K. Gützlaff (2005): Gegen Rechts argumentieren lernen; Hamburg und K.-P- Hufer (2000): Argumentationstraining gegen Stammtischparolen. Materialien und Anleitungen für Bildungsarbeit und Selbstlernen; Schwalbach